Tiefgang mal anders
Nachdem ich gestern meinen Marktwert und das zur Verfügung stehende männliche Angebot in der vielgelobten Realität getestet und begutachtet habe stelle ich fest: Die „draußen“ sprechen mich optisch genauso wenig an wie in meiner Onlinecommunity! Im Online kommt Frau allerdings schneller ins Gespräch. Und Frauen lieben bekanntermaßen die Kommunikation. Frauen sind auch selten sprachlos – aber ein Online-Mann schafft es garantiert auch die größte weibliche Plaudertasche zum verstummen zu bringen.
Während ich mir die Mühe gebe, das männliche Profil meiner Wahl aufmerksam nach Informationen zum Menschen dahinter zu durchforsten, um dann ein Mail zu verfassen, die sich inhaltlich auf das Statement bezieht, sind Online-Männer deutlich weniger bemüht. Sie haben offenbar den Spruch „Weniger ist mehr“ verinnerlicht.
Zur Gesprächseröffnung – und wir erinnern uns: Wir sind einsame Herzen auf der Suche nach Mr. oder Mrs Right in einem Internet Singleportal – nutzen sie folgende Sätze:
„hallo, was suchst du genau?“ – hätte er mein Profil gelesen, hätte er es gewusst
„kommt mir tierisch bekannt vor. warst du mal bei mir, winterhude, krohnslamp damals“ – schreibt einer ohne Foto.
„Hi! Du hast ein interessantes Profil, und Du bist sehr sexy!“ – ich könnte schwören, der hat mein Profil nicht gelesen.
„siehst klasse aus u auch toll gebaut“ – das beruhigt mich jetzt wirklich, meine Architektur stimmt
„hallo….ein sehr schönes Foto….wowww“ – ah ha welches genau? Da sind 5 Fotos.
„Hi, was sind denn so deine Hobbys?“ – meine was???!!!!! Lesen, schreiben, basteln?
Ich stelle fest, Mails dieser Art überfordern mich intellektuell. Was antwortet man darauf? Brütend sitze ich über den Mails und versuche ein eloquente, witzige Antwort zu finden – aber ich muss passen, mir fällt nichts ein. Selbstkritisch wie ich bin, frage ich mich, ob ich zu viel erwarte vom Mann an sich. Vielleicht haben sie nur Hemmungen etwas Geistreiches zu schreiben, vielleicht leiden sie unter Onlinestottern und trauen sich nicht, längere Sätze zu schreiben. Ein Mann hat pro Tag weniger Worte zur Verfügung als eine Frau – vielleicht haben sie ihren Wortschatz für den Tag schon verbraucht. Es gibt viele Erklärungen – aber eine Antwort fällt mir trotzdem nicht ein.
Jetzt soll man aber nicht meinen, dass alle suchenden Männer im Online unter Schreib- und Sprachhemmungen leiden. Es gibt welche, die schreiben einem einen glatten Roman – da steht drin, welche Hobbys sie haben, was sie gerne mögen, was sie gar nicht mögen, das sie gleich zur Eigentümerversammlung müssen und gar keine Lust darauf haben, das sie mit Angie Merkel als Kanzlerin zufrieden sind, welches Buch sie gerade lesen, das die EX sie sehr verletzt hat und das der Rotkohl von Mutti der beste der Welt ist. Ähm – ja und was soll ich jetzt noch fragen? So ein bisschen geheimnisvoll sollte Mann schon im Präsentationsmodus sein wie ich finde. Welche Frau will schon ein offenes Buch kennen lernen?
Kommen wir nun zu meinen Lieblingsonlinemännern – diese verlässt bereits in der zweiten Mail der Tiefgang und sie kommen zur Sache. Wobei – eigentlich geht es denen genau darum, also um Tiefgang – nur eben anders als ich mir das vorstelle. Die erste Mail – also die, die darüber entscheidet, ob ich oder Frau überhaupt antwortet – hat die richtige Länge, bezieht sich auf mein Profiltext, die Fotos am Rande, ist humorvoll geschrieben und er beschreibt sich gut genug, um einen Eindruck zu vermitteln bzw. zu hinterlassen. Man sollte meinen, das ist schon die halbe Miete für den Beginn einer wundervollen Freundschaft. Mit voller Begeisterung mache ich mich an die Antwort, gebe sozusagen alles – bin witzig, gehe auf sein Schreiben ein, bringe aber auch mich selbst in Position – und warte gespannt auf seine Antwort.
Die kommt dann auch – und macht mich sprachlos. Als Frau wünsche ich mir natürlich von einem Mann, dass er in der Lage ist, Entscheidungen zu treffen und auch mal die Führung übernimmt. So ein bisschen Oldschool-Style ist ja schon ganz sexy und das Frauen einen Frauenversteher wollen ist eh ein Gerücht. Wir wollen einen Kerl, basta!
Seine Antwortmail ist deutlich kürzer – wenn Frau Glück hat enthält sie noch zwei vollständige Sätze. Die Regel ist aber ein einziger Satz – der allerdings im Thomas Mann Stil. In diesem Satz wird mir mitgeteilt, dass man mich gerne in die horizontale Lage bringen möchte, um die ganze Nacht akrobatische Übungen durchzuführen, danach trennen wir uns wieder und hatten beide ein nettes Erlebnis.
Ach ja hatten wir? Würde mir der Sinn nach Akrobatik stehen, wäre ich Artistin im chinesischen Staatszirkus. Des Weiteren hat mir „nett“ noch nie gereicht, denn „nett“ ist auch die neue Statue im Park. Und überhaupt, wo ist der Tiefgang hin? Die Eloquenz? Der Witz? Das Interesse an einem kennen lernen in nicht horizontaler Lage? Fragen über Fragen!
Wie es anderen Frauen geht, kann ich natürlich nicht beurteilen. Für meinen Teil kann ich aber sagen, mich hat in einer Bar, einem Restaurant, auf einer Party oder wo man sonst als Singlefrau noch Männer kennen lernt, noch nie einer angesprochen mit „Ficken ey?“ (Ja auch diese Fragen werden genauso im Online gestellt!) oder „Du bist ja ein heißes Gerät, haste Bock?“ etc.pp. Würde mir dieses passieren hätte der betreffende Kerl entweder mein Getränk im Gesicht oder er würde einen Lachanfall provozieren. Je nach Tagesform.
Zu erwähnen ist, es handelt sich bei den Verfassern solche Mails oftmals nicht um Männer mit dem IQ eines Grottenolms, sondern es sind studierte Menschen in teilweise repräsentativen Berufen.
Und richtig erstaunlich ist, dass diese Herren überhaupt nicht verstehen können, warum Frau nun nicht sofort ins Badezimmer eilt, sich duscht, rasiert, cremt,beduftet, sich in die heißeste Unterwäsche im Schrank schmeißt und los fährt. Jaaa, das erwarten sie wirklich und reagieren wie kleine Kinder, die sich im Supermarkt kreischend auf den Boden schmeißen, wenn sie keine Süßigkeiten bekommen, wenn Frau ihnen mitteilt, dass die Damen vom öffentlichen Gewerbe bestimmt gerne ihre Wünsche erfüllen und das man selbst nicht Sexualtherapeutin zur Verfügung steht.
Fazit: Es wundert mich immer weniger, warum Frauen lieber Singles bleiben! Bevor man sich so einen Herren an die Backe nagelt, dann doch lieber Mädchenabende mit allen Sex in the City Folgen auf DVD und ein wenig Kopfkino.
November 21, 2008 um 12:26
nun ja, so ist das leider: frauen wollen beziehungen aufbauen, männer wollen ihren samen streuen. zumindest theoretisch. denn dass das auf diese art und weise klappt, scheint unwahrscheinlich.
November 21, 2008 um 2:58
Ich komme wieder! Und zwar immer dann, wenn der Herr W. und ich mal wieder Stress miteinander haben – kann ja mal vorkommen, in einer anständigen Ehe. Aber wenn ich das hier lese, weiß ich wieder was ich habe.
P.S: Klasse geschrieben. So liest man selbst einen so langen Eintrag ratzfatz durch.
Dezember 17, 2008 um 11:00
Hallo Mrs. Right,
dein Tiefgang hat mich sehr berührt. Vor allem im Gesicht. Musste öfters lächeln, als ich denken kann. Bin seit 5-7 Tagen auch unter die Online-Rangeher gegangen. Und finde das sehr interessant.
Als halbwegs Worte beieinander bringender Kerl macht das richtig Spaß. Und wenn ich sehe, wie du Worte verwringst, hm, erhöht sich mein Puls auf erfreuliche Schlagzahlen.
Nun, warum schreibe ich dir eigentlich?
Ehrlichgesagt, ich hoffe darauf, dass du erkennst, dass du einen Trainingspartner vor dir hast, der dir mehr reichen kann, als nur ein paar warme Worte.
Wenn letzteres allerdings dein Begehr sein sollte, hm, flutscht mein Puls wohl gleich wieder runter.
Was meinst du?
Wo befindet sich unsere nächste Spielwiese,
aufs Verwegenste grüßt
samoth
Dezember 17, 2008 um 2:34
Samoth: Ist das jetzt so etwas ähnliches wie ein Antrag?
Dezember 18, 2008 um 11:36
Ja: natürlich. Die Frage ist nur, an wen?!
Dezember 18, 2008 um 11:47
Samoth: Oh! Wie mutig! An wen? Darüber denke ich nach
Dezember 18, 2008 um 4:37
Denken ist gut – Schenken aber auch, nicht nur an Weihnachten. Also schenk ich dir noch n bisschen Bedenkzeit…
Dezember 18, 2008 um 4:56
Samoth: Das ist aber lieb von dir – ich kann es auch überhaupt nicht leiden, wenn man mich hetzen möchte
Dezember 18, 2008 um 6:39
Hm, du kennst aber den Sanktnimmerleinstag, ja? Den mein ich nicht. Wer hat gesagt, dass ich nett sei?! Ich bin, ein Mann.
Januar 9, 2009 um 4:10
Noch mal „Hm“…
Jetzt steh’ ich hier, also, im frischen 2009, mit meiner Heiratserklärung – und weiß immer noch nicht an wen, obwohl Mann seiend. Und Frau Richtig denkt sicher noch das Be. Oder fühlt sich gehetzt?
Hm, hm und noch mal Hmmm…